| Anfallsarten |
| Mittwoch, den 06. April 2011 um 08:09 Uhr | |||||||||||||||||||||||||||||
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Etwa 1% aller Menschen sind an einer Epilepsie erkrankt. Jeder kann daran erkranken und man kann in jedem Lebensalter krank werden. Epilepsie kommt in allen Rassen und Kulturen gleich häufig vor und betrifft Menschen aller sozialen Schichten. 5% aller Menschen haben einmal im Leben einen epileptischen Anfall.
Was sind epileptische Anfälle? (zerebrale Anfälle)Vorübergehende Funktionsstörung von Nervenzellen des Gehirns aufgrund vermehrter gleichzeitiger Entladungen, wobei die Auswirkungen bzw. Störungen davon abhängen, welche Aufgabe die beteiligten Nervenzellen normalerweise haben. („Gewitter im Gehirn“). Epileptische Anfälle können sehr unterschiedlich aussehen.
Epilepsie ist keine einheitliche Krankheit, sondern eine große Gruppe verschiedener Störungen und Syndromen mit sehr unterschiedlichem Verlauf, Ursachen und Anfallsformen. Es gibt mehr als 30 Arten. Eine Klassifikation ist notwendig und sehr schwierig und stellt eine Orientierungshilfe dar.
Eine Einteilung erfolgt meist nach Ursache oder Anfallstyp.
UrsachenTabelle 1 Einteilung der Epilepsien nach ihrer Ursache
(lt. Dr. G. Krämer „das große TRIAS- Handbuch Epilepsie)
Idiopathisch (bedeutet „eigenständig“) oder genuin oder essenziellSind genetisch bedingt, oft auch vererbt. Außerdem sind sie durch ein altersabhängiges Auftreten mit deutlicher Bevorzugung der Kindheit und Jugend und typischen EEG- Veränderungen gekennzeichnet.
Symptomatisch (symptoma= griech.= Begleiterscheinung)Nachweisbare oder krankhafte Veränderungen im Gehirn wie schwere Kopfverletzungen, Schlaganfall, Blutungen oder Hirnschädigungen bei der Geburt (in der Schwangerschaft),…
Kryptogen (wahrscheinlich symptomatisch)Es wird eine erworbene Schädigung vermutet, aber diese lässt sich noch nicht nachweisen.
AnfallstypenTabelle 2 Epileptische Anfallsformen und auslösende Reize für Reflexanfälle
(Vorschlag einer Komission der ILAE (International League Against Epilepsy) von 2001; siehe auch jeweils dort)
Da es sicherlich noch länger dauern wird, bis sich die neuere Einteilung durchsetzt (und diese immer wieder an die neuesten Erkenntnisse angepasst werden sollte) bzw. es im Einzelfall immer wieder Zuordnungsprobleme gibt, hier auch eine Übersicht der älteren, oft verwendeten Einteilung:
Tabelle 3 Einteilung der Formen epileptischer Anfälle der internationalen Liga gegen Epilepsie von 1981
große Anfälle (Grand Mal) und kleine Anfälle (Petit Mal) unterteilt. Tabelle 4
Vereinfachte Einteilung der wichtigsten Anfallsarten (lt. Dr. G. Krämer, “das gr. TRIAS- Handbuch Epilepsie“)
Die 4 häufigsten Anfallsformen1.) einfach fokale Anfälle:wenn die Störung auf ein umschriebenes Gehirnareal beschränkt und das Bewusstsein voll erhalten bleibt. Sie dauern meistens nur relativ kurz. Es gibt verschiedene Formen:
a. motorische fokale Anfälle: haben ihren Ursprung in der motorischen Hirnrinde des Stirnlappens (Frontallappen), z.B.: Muskelzuckungen, Jackson- Anfälle, Sprachhemmung
b. sensible fokale Anfälle: haben ihren Ursprung in der sensiblen Hirnrinde des Scheitellappens (Parietallappen), z.B.: Gefühlsstörungen wie Kribbel-, Taubheits-, Wärmegefühl
c. sensorische fokale Anfälle: können alle Sinne betreffen und zu Seh-, Hör-, Geruchs-, Geschmacks-, und Gleichgewichtsstörungen führen.
d. Vegetative oder autonome fokale Anfälle betreffen das vegetative Nervensystem, z.B.: aufsteigendes Übelkeitsgefühl, Veränderungen des Herzschlages, der Atmung, der Pupillen u. der Hautfarbe,
Gänsehaut e. Psychische fokale Anfälle gehen meist vom Schläfenlappen (Temporallappen) aus und zeigen psychische Symptome, z.B.: Angstgefühl, Denkstörung, verändertes Zeit-, und Körpergefühl, Déjà-vu (schon einmal gesehen)- Eindrücke, Halluzinationen
2.) komplex fokale Anfälle ( komplex partielle Anfälle):es kommt zu einer Bewußtseinsstörung, die bewirkt, dass die Betroffenen auf Ansprache oder äußere Reize nicht mehr angemessen reagieren können. Es sind meistens psychische und motorische Auffälligkeiten, Verstehen und Erinnern können gestört sein. Es kommt häufig zu vielfältigen Störungen, die sich auch im „komplexen“ Verhalten der Person ausdrückt, z.B: Desorientierung, Verwirrtheit, automatisierten Bewegungsabläufen (Automatismen) wie Nesteln, Kauen, Schmatzen, Herumlaufen. Die Dauer liegt meist zwischen 0,5 und 2 Minuten und die
Betroffenen kommen erst langsam wieder zu sich (Reorientierung).Komplex fokale Anfälle sind bei Erwachsenen der häufigste Anfallstyp. 3.) sekundär generalisierter tonisch- klonischer Anfall (Grand Mal):entwickeln sich aus einem fokalen Anfall heraus, der auf beide Hirnhälften übergreift. Dieser Typ kommt bei mehr als der Hälfte aller Epilepsien vor, meist gemeinsam mit anderen Anfallsformen.
Beim Ablauf können 3 Phasen unterschieden werden: Schon zum Beginn kommt es zum Bewußtseinsverlust (Amnesie). Die erste, tonische Phase (Anspannungsphase) mit Anspannung und Verkrampfen der Muskulatur dauert meist 10 bis 20 Sekunden, oft mit Initialschrei und Hinstürzen. Die zweite, klonische Phase (Zuckungsphase) dauert etwa 30 Sekunden bis 2 Minuten und verläuft mit Zucken (Krampfen) im Gesicht sowie an Armen/Beinen und Rumpf. Ein Zungenbiss und Blaufärben der Haut (Zyanose) sind möglich. Die dritte ,Terminalphase (Nach- oder Abschlussphase)beendet den Anfall und dauert Minuten bis Stunden. Dazu gehört der Wiederbeginn der normalen Atmung, das Wiedererlangen des Bewußtseins und ein Erschöpfungszustand.
Die Erinnerung an den Anfall fehlt und Betroffene haben oft, über Tage andauernde, Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Muskelkater.
4.) Primär generalisierte Anfälle:hier besteht die Anfallsaktivität von Beginn an in beiden Gehirnhälften gleichzeitig. Auch sie bestehen aus Krämpfen und Zuckungen am ganzen Körper und oben genannten Symptomen (Krankheitsmerkmalen).
Ein anderes Beispiel sind die Absencen: diese treten gehäuft im Kindesalter auf, dauern meist wenige Sekunden, äußern sich als „Aussetzer oder Abwesenheiten“ ohne Verkrampfen oder Sturz, sie beginnen und enden plötzlich. Es fehlt aber die Ansprechbarkeit und es gibt eine nachfolgende Erinnerungslücke der Betroffenen. Eine gerade ausgeübte Tätigkeit wird plötzlich unterbrochen und hinterher fortgeführt, als ob nichts passiert wäre. Man unterscheidet zwischen typischen und atypischen (ungewöhnlichen) Absencen, welche oft Begleitsymptome wie Zuckungen oder automatisierten Handlungen haben und länger andauern.
Begriffserläuterungen
Was ist ein Status epilepticus?
Als solcher werden länger als 30 Minuten anhaltende einzelne epileptische Anfälle oder rasch aufeinander folgende Anfälle bezeichnet, bei denen es zwischenzeitlich nicht zu einer Erholung kommt. Es gibt ebenso viele Formen von Status epileptici wie epileptische Anfälle.
Ein Grand-Mal-Status besteht aus wiederholten generalisierten tonisch-klonischen Anfällen ohne zwischenzeitliches Wiedererlangen des Bewusstseins. Er ist die schwerste und lebensbedrohliche Form epileptischer Anfälle.
Was sind Epilepsien?
Epilepsie ist die Bezeichnung für eine Gruppe von Störungen des Gehirns, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass es zu wiederholten und spontanen epileptischen Anfällen kommt.( lt. ILAE 2001)
Oder Epilepsie ist eine Familie von Störungen, die eine abnorm gesteigerte Bereitschaft zu Anfällen gemeinsam haben, mit mindestens 1 Anfall (also nicht wiederholt und auch nicht unprovoziert) und einer dauerhaften Veränderung des Gehirns, die die Wahrscheinlichkeit künftiger Anfälle erhöht. Verhaltens-, kognitive, soziale Probleme können assoziiert sein. (lt. Fisher et al 2005 (Epilepsia))
Was ist eine Aura (aus dem Griechischen =Lufthauch)?
Eine Aura ist ein meist nur wenige Sekunden dauernder fokaler Anfall ohne Bewusstseinsstörung, der bei den Betroffenen häufig in fokale Anfälle mit Bewusstseinsstörung übergeht oder sekundär generalisiert und dadurch ein Warnzeichen vor schwereren nachfolgenden Anfällen sein kann. Die Zeichen der Aura entsprechen denjenigen, die bei fokalen Anfällen beschrieben wurden und können Hinweise auf den Anfallsursprung geben. Sie sind in der Regel für den Betroffenen relativ gleichbleibend und die Erinnerung daran besteht. Nicht jeder Betroffene hat eine Aura.
Was sind Epilepsiesyndrome?
Unter Syndromen versteht man eine regelhafte Kombination
von Symptomen (Krankheitsmerkmalen) und Eigenheiten. Die Kombination eines bestimmten Anfallsmusters mit unterschiedlichen Ursachen und typischen Merkmalen (z.B.: mit einem begrenzten Erkrankungsalter und einer gemeinsamen Behandlungsprognose) können ein Epilepsiesyndrom ergeben. Oft wird es nach dem Arzt benannt, der es zuerst beschrieben hat. Typische Beispiele: Lennox- Gastaut- Syndrom, Landau-Kleffner-
Syndrom, Rasmussen- Syndrom, West- Syndrom, Rolando-Epilepsie Was sind Gelegenheitsanfälle?
Sind epileptische Anfälle, die nur bei bestimmten Gelegenheiten auftreten
und deswegen keine Epilepsie sind. Die Anfälle werden durch besondere Bedingungen ausgelöst bzw. verursacht. Es sollte jedoch auch ein einzelner Anfall von einem Spezialisten abgeklärt werden. Was sind nichtepileptische Anfälle?
Es sind Anfälle, die zwar auf einer Funktionsstörung des Nervensystems beruhen oder eine solche vermuten lassen, ohne dass ihnen aber ursächlich abnorme Entladungen von Nervenzellen des Gehirns zugrunde liegen. Sie sind schwer zu diagnostizieren, können in jedem Lebensalter auftreten und sind Ausdruck einer Erkrankung. Oft sehen epileptische und nichtepileptische Anfälle sehr ähnlich aus und werden miteinander verwechselt. Ein EEG während des Anfalls ist zur Diagnoseerstellung unbedingt notwendig.
Bei nichtepileptischen Anfällen wird zwischen psychogenen und organischen Störungen unterschieden.
Weiterführende Links und Literatur:
www.evkb.de (KH Bielefeld)
www.bethel.de (KH Bethel, „Bethel- Klassifikation“)
www.izepilepsie.de (dt. Gesellschaft für Epileptologie, Informationszentrum Epilepsie)
Buch zum Weiterlesen: „Das große TRIAS- Handbuch Epilepsie“ von Dr. med. Günter Krämer (ISBN 3-8304-3129/5) |