Epilepsiepatientinnen, die schwanger sind oder es noch werden wollen...

 

Eine enge und frühe Zusammenarbeit zwischen dem, die Epilepsie der Patientin behandelnden Arzt und dem betreuenden Gynäkologen ist wichtig. Durch eine frühzeitige umfassende Aufklärung sollten beide Ärzte die Patientin zu einer Partnerin werden lassen, die aktiv und verantwortungsvoll mitarbeiten kann. Wichtig ist, darüber hinaus, frühzeitig eventuell bestehende Ängste bei der Patientin und ihrem Partner abzubauen: z. B., dass sich Schwangerschaft und Epilepsie gegenseitig ungünstig beeinflussen.

 

 

Vor einer geplanten Schwangerschaft:

 

  • Die Epilepsie allein ist normalerweise kein Grund, keine Kinder zu bekommen.
  • Sexuelle Aktivität ist nicht anfallsauslösend.(Nur in extrem seltenen Einzelfällen wurde dies beobachtet, dennoch ist es sinnvoll den Intimpartner zu informieren, wie sie sich bei einem evt. Anfall verhalten sollten)

  • Die Fruchtbarkeit von Frauen mit Epilepsie verhält sich kaum anders als die von Frauen ohne Epilepsie. Dennoch kann es sein, dass sie nicht so schnell schwangrer werden, wie sie es sich wünschen.

  • Außerdem ist zu bedenken welches Verhütungsmittel angewendet wird, da bestimmte Antiepileptika die Wirksamkeit der Pille vermindern können.

  • Die Epilepsie ist keine Erbkrankheit. Es ist dennoch ratsam, sich vor der Schwangerschaft humangenetisch beraten zu lassen. Die genetische Beratung sollte möglichst in Zusammenarbeit mit einer Epilepsieambulanz bzw. einer humangenetischen Beratungsstelle erfolgen.

  • Die Patientin sollte mit ihrem Arzt den bestehenden Kinderwunsch besprechen. Eine geplante Schwangerschaft gibt die Chance, günstigere Bedingungen für den Feten noch vor der Schwangerschaft zu schaffen (z. B. Überprüfung der Medikation auf Art und Dosierung der Antiepileptika).

  • Die Ernährung sollte bereits vor der (geplanten) Schwangerschaft und mind.während der ersten 12 Wochen nach der Befruchtung adäquate Mengen an Folsäure enthalten.(Das Risiko eines Medikamentes, Fehlbildungen zu provozieren, ist nur in den ersten 3 Schwangerschaftsmonaten relevant)

 

 

Während der Schwangerschaft:

 

  • Eine bestehende Schwangerschaft sollte dem die Epilepsie behandelnden Arzt gleich mitgeteilt werden.

  • Während der Schwangerschaft und der Geburt treten bei Patientinnen mit einer Epilepsie nicht mehr Komplikationen auf als bei anderen Frauen.

  • Die Schwangerschaft verschlimmert eine Epilepsie in der Regel nicht. Häufigste Ursache für eine Verschlechterung der Epilepsie während der Schwangerschaft ist das Weglassen oder das Reduzieren der Antiepileptika, meist aus Angst vor möglichen Fehlbildungen des Kindes.

  • Gerade während der Schwangerschaft sollte die Patientin auf eine regelmäßige und genaue Einnahme der verordneten Dosis der Antiepileptika achten.

  • Da erwiesen ist, dass die Medikamente die Mißbildungsrate erhöhen, die Epilepsie an sich aber nicht zu vermehrten Missbildungen führt, ist immer zu überlegen, ob im Falle einer Schwangerschaft die Vorteile der Medikamente die Nachteile für das Kind ausgleichen.

  • Bislang sind die Wirkungen von Anfällen auf den Feten noch nicht sicher erwiesen. Es ist jedoch denkbar, daß große Anfälle (generalisiert tonisch-klonische Anfälle) dem Feten schaden, z. B. durch eine lang anhaltende Hypoxie. Ferner können sie zu Sturzverletzungen der Mutter mit möglichen direkten oder indirekten Folgen für den Feten führen.

  • Während der Schwangerschaft sind regelmäßige Arztbesuche mit Serumspiegelkontrollen der Antiepileptika nach klinischer Maßgabe sinnvoll. Bei einer Zunahme der Anfallsfrequenz sollte sich die Patientin beim Arzt melden, eine Dosiskorrektur ist dann notwendig. Eine Dosiserhöhung der Antiepileptika im zweiten oder letzten Drittel der Schwangerschaft führt nicht zu einer erhöhten Teratogenität.

  • Mehr als 95 % aller Frauen, die an einer Epilepsie erkrankt sind und während der Schwangerschaft Antiepileptika einnehmen, bringen gesunde Kinder ohne Fehlbildungen zur Welt.

  • Eltern mit Epilepsie haben ein leicht erhöhtes Risiko, ein Kind mit einer Fehlbildung auf die Welt zu bringen, wobei es sich oftmals um Fehlbildungen handelt, die operativ gut korrigiert werden können. Besonders sind Kinder von Eltern gefährdet, bei denen es in der Familie Fehlbildungen gab. Deshalb sollte die Familienanamnese beider Eltern gründlich auf Fehlbildungen hin erfragt werden.

  • Regelmäßige geburtshilfliche Kontrollen sollten vom Beginn der Schwangerschaft an durchgeführt werden.

  • Es gibt die Möglichkeit der pränatalen Diagnostik von größeren Fehlbildungen: Ultraschalluntersuchungen, Bestimmung des Alpha-Fetoproteins im Serum und aus der Amnionsflüssigkeit (im Rahmen einer Amniozentese). Dabei sollten sich die Patientin und ihr Partner ihre Einstellung zur Möglichkeit einer Schwangerschaftsunterbrechung im Fall einer nachgewiesenen Fehlbildung vor Durchführung dieser Untersuchungen gemeinsam überlegen.

  • Frauen mit einer katamenialen Epilepsie sollten besonders auf die Hormonänderungen, v.a. am Beginn ihrer Schwangerschaft und der Häufigkeit ihrer Anfälle achten.

 

 

Geburt und Neugeborenenperiode:

 

  • Die Entbindung sollte in Kliniken vorgenommen werden, die mit einer pädiatrischen Abteilung eng zusammenarbeiten und Erfahrung in der Betreuung von Risikoschwangerschaften haben.

  • Die meisten Geburten laufen als normale, vaginale Entbindungen ab. Epilepsie alleine stellt keine Indikation für einen Kaiserschnitt dar.

  • Wegen der Gefahr ungewöhnlicher Blutungen nach enzyminduzierenden Antiepileptika (z. B. Phenobarbital, Primidon, Carbamazepin, Phenytoin) sollte dem Neugeborenen unmittelbar post partum (n. d. Geburt) 1 mg Vitamin K (Konakion®) intramuskulär gegeben werden.Auch ist zu überlegen, der Frau selbst ab der 36. SSW Vit K zu geben.

  • Eine Epilepsiepatientin darf und kann ihr Neugeborenes stillen.

  • Nach der Geburt können bei der Patientin die Serumkonzentrationen der Antiepileptika ansteigen und Nebenwirkungen erzeugen. Treten Überdosierungserscheinungen auf, sollte die Dosis reduziert werden.

  • Ein Übertritt der Antiepileptika in die Muttermilch spricht nicht per se gegen das Stillen, sondern ist im Gegenteil zu empfehlen, da hierdurch sehr häufig Entzugssymptome beim Kind gemildert werden.

  • Die Patientin sollte auf Entzugserscheinungen bei ihrem Kind achten. Dies sind: muskulärer Hypertonus, häufiges und heftiges Schreien, starke Unruhe, Zittern, Kloni, Spucken, Erbrechen.

  • Umgekehrt sollte auf eine durch Antiepileptika bedingte Sedierung des Kindes geachtet werden. Diese zeigt sich durch: Schläfrigkeit, muskulären Hypotonus, Trinkschwäche, Gedeihstörung.( Vor allem Primidon, Phenobarbital und eine chronische Benzodiazepin-Einnahme können diese Sedierungseffekte hervorrufen.) Nur in Einzelfällen kann das Stillen dann nicht fortgesetzt oder muß eingeschränkt werden.

  • Das Neugeborene sollte durch einen Kinderarzt betreut werden. Das Kind sollte in den ersten 2-3 Monaten wenigstens einmal pro Woche, insbesondere dann, wenn es gestillt wird, von dem Kinderarzt gesehen werden.

  • Bedingt durch einen unregelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus mit Schafdefizit kann es nach der Geburt zu einer Verschlechterung der Anfallssituation der Patientin kommen. Hier braucht die Patientin ausreichend Unterstützung durch den Partner und die Familie. Bei allein stehenden Müttern muß rechtzeitig eine evt. Organisation einer Hauspflege überlegt werden, sonst besteht für das Kind die Gefahr, bei einem Anfall der Mutter verletzt zu werden.(Ob Vorkehrungen erforderlich sind, richtet sich nach dem individuellen Anfallsrisiko)

  • Folgende Vorsichtsmaßnahmen beim Umgang mit dem Säugling können zum Beispiel helfen, diese Unfallgefahr gering zu halten: den Säugling nicht alleine baden, den Säugling auf dem Boden wickeln, sich beim Stillen hinlegen, das Kind möglichst nur im Sitzen auf dem Arm halten und unnötiges Herumtragen vermeiden, nicht alleine sparzierengehen u.einen adäquaten Kinderwagen kaufen….

 

 

Diverses:

 

 

Verw. Quellen, Literatur :

 

  • Karl C.Mayer, Heidelberg: Epilepsie und Schwangerschaft (www.neuro24.de)
  • Dr Krämer,Epilepsie Zentrum Zürich: Frau und  Epilepsie ( Epi Liga 2005)
  • Jürgen Bauer:Epilepsie,Schwangerschaft und Fertilität, Steinkopff Verlag 2005
  • Dr H. Stefan, Dr B. Faunberger,ZEE Erlangen:Hormonelle Einflüsse bei Frauen mit Epilepsie (www.epilepsiezentrum.uk-erlangen.de)
  • Dr. M. Nagler: (www.lkh-steyr.at)
  • S.Ried,G. Beck-Mannagetta: Epilepsie und Kinderwunsch, Blackwell Wissenschafts Verlag 2001